Eine marxistische Sicht auf den Luftkrieg gegen deutsche Städte 1942–1945

Vor wenigen Wochen jährte sich die britisch-US-amerikanische „Operation Gomorrha“ – die Zerstörung weiter Teile Hamburgs durch mehrtägige Flächenbombardements mit verheerenden Feuerstürmen und über 30.000 Toten im Juli und August 1943 – zum 80. Mal. Diese Serie von Angriffen gilt als einer der Höhepunkte des ab 1942 systematisch durchgeführten westalliierten Luftkriegs gegen deutsche Großstädte im Zweiten Weltkrieg, der dutzende städtische Zentren in Trümmerwüsten verwandelte und mehreren hunderttausend Menschen das Leben kostete.

Neonazis und faschistische Elemente aller Art missbrauchen solche Jahrestage regelmäßig, um ihre geschichtsrevisionistischen Lügen über einen „alliierten Bombenterror“ zu verbreiten und dadurch von den Verbrechen des Nazi-Regimes abzulenken. Dabei war es dieses Regime, das den Zweiten Weltkrieg im September 1939 vom Zaun gebrochen hatte und anschließend ganz Europa mit Elend und millionenfachem Massenmord überzog, um die Interessen des deutschen Imperialismus rücksichtslos durchzusetzen. Über diesen faschistischen Terror schweigt die extreme Rechte.

Auf der anderen Seite tun sich immer wieder „linke“ Kräfte hervor, die sich nicht nur gegen die Propaganda der Neonazis stellen (was politisch richtig ist), sondern den alliierten Bombenkrieg ab 1942 als vermeintlich antifaschistische Maßnahme aktiv begrüßen, historisch verklären und diese Sichtweise mit zynischen Parolen wie „Bomber Harris, do it again!“[1] unterstreichen.

Natürlich waren die alliierten Luftangriffe aber keine antifaschistischen Heldentaten. Im Gegenteil: Sie waren Ausdruck einer verbrecherischen Kriegsführung und darüber hinaus weitgehend nutzlos – jedenfalls gemessen an allem, was im Sinne eines effektiven Kampfes gegen den Faschismus gewesen wäre: Weder beeinträchtigten sie die militärische Handlungsfähigkeit der Nazi-Wehrmacht in großem Maße, noch zerstörten sie ernsthaft das deutsche Industriepotenzial. Es ist zweifelhaft, ob das überhaupt jemals ihr vorrangiger Zweck gewesen ist, wie hier gezeigt werden soll. Nicht umsonst lehnten internationalistische, revolutionäre Kommunisten die alliierten Flächenbombardements deshalb schon während des Kriegs ab – eine Position, die wir verteidigen.

Ursachen des Zweiten Weltkriegs

Ein notwendiger Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit den alliierten Bombenangriffen ist die Frage danach, welche Merkmale den Zweiten Weltkrieg der Jahre 1939 bis 1945 insgesamt kennzeichnen. Anders als Schulbücher es bis heute vermitteln, war dieser Krieg nicht einfach ein Endkampf zwischen „Demokratie“ und Faschismus, sondern ein weltumspannender imperialistischer Konflikt, den die mächtigsten kapitalistischen Nationen zur Neuaufteilung der Welt führten und an dem auch die Sowjetunion beteiligt war – ein Arbeiterstaat, der aus der sozialistischen Revolution in Russland vom Oktober 1917 hervorgegangen war, aber zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs bereits unter den schweren bürokratisch-totalitären Deformationen des stalinistischen Regimes litt.

Grundlegende Ursache des Blutbades ab 1939 war die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ungebrochen fortbestehende imperialistische Konkurrenz der bürgerlichen Nationalstaaten. Der russische Revolutionär Leo Trotzki schrieb im Mai 1940: „Der jetzige Krieg – der zweite imperialistische Krieg – ist kein Zufall, er rührt nicht aus dem freien Willen dieses oder jenes Diktators her. Er wurde lange vorher vorausgesagt. Er folgte unerbittlich aus den Widersprüchen der internationalen kapitalistischen Interessen.“[2] Diese Widersprüche manifestierten sich etwa in der von den Siegermächten diktierten Versailler Friedensordnung von 1919, die die deutsche Bourgeoisie – die deutschen Banken- und Konzernbosse – mit hohen Reparationszahlungen belastete und sie von wichtigen Märkten, Rohstoffen und dem Zugang zu billigen Arbeitskräften ausschloss. Eine Neuaufteilung der Welt zulasten von Großbritannien und Frankreich, wie sie 1914–18 gescheitert war, stand für die deutsche herrschende Klasse noch immer auf der Agenda. Nicht zufällig gehörte es später – unmittelbar nach den deutschen Kriegserfolgen vom Sommer 1940 – zu den ersten Maßnahmen von Großkonzernen wie IG Farben oder Carl Zeiss Jena, detaillierte Pläne zur „Neuordnung der europäischen Wirtschaft“ in ihrem Interesse auszuarbeiten.[3] Zusätzliches Konfliktpotenzial entstand außerdem aus der Kollision aufstrebender Staaten wie des faschistischen Italiens oder des japanisches Kaiserreiches in Ostasien mit den traditionellen Kolonialmächten und den erstarkenden USA um Einflusssphären in Kolonialgebieten.

Alle herrschenden Bourgeoisien waren wiederum mit einem mächtigen inneren Feind konfrontiert: Der revolutionären Arbeiterbewegung, die nach Ende des Ersten Weltkriegs in mehreren europäischen Ländern Versuche zur Machteroberung unternommen hatte. Entsprechend positiv nahmen sie es auf, als die deutsche Bourgeoisie sich 1933 durch die Machtübertragung an die Nazis und die Zerschlagung der deutschen Arbeiterbewegung dieser Gefahr entledigte. Die Herrschenden in Großbritannien oder Frankreich traten damals keineswegs „für die Demokratie“ ein oder bekämpften Hitlerdeutschland. Im Gegenteil: Viele von ihnen drückten unverhohlene Sympathien für den Faschismus aus und ihre Staaten kooperierten offen mit dem Nazi-Regime. Die deutsche Aufrüstung oder die Remilitarisierung des Rheinlands etwa wurden von ihnen ignoriert, Großbritannien unterschrieb 1935 gar ein gemeinsames Flottenabkommen mit Deutschland.

Dem gemeinsamen inneren Feind entsprach auch ein gemeinsamer äußerer Gegner: Die Sowjetunion. Der Sowjetstaat war 1917 aus einer siegreichen proletarischen Revolution hervorgegangen; Großgrundbesitzer und Kapitalisten waren dort enteignet, die Produktionsmittel verstaatlicht und eine Planwirtschaft aufgebaut worden. Ungeachtet ihrer Bürokratisierung machte dieser völlig andere Klassencharakter die Sowjetunion zum Feind aller bürgerlichen Staaten. Diese verband trotz ihrer Konkurrenz untereinander ihre gemeinsame Angst vor einer Ausbreitung der in der UdSSR bestehenden Eigentumsverhältnisse auf weitere Teile der Welt und vor antikolonialen Erhebungen in den von ihnen beherrschten Ländern, die von der UdSSR unterstützt wurden.

Die Widersprüche der „Anti-Hitler-Koalition“

Der Zweite Weltkrieg begann im September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen und dem Kriegseintritt Großbritanniens und Frankreichs gegen Nazi-Deutschland. Die faschistische Wehrmacht überrannte dabei bis Sommer 1941 weite Teile West-, Nord- und Südosteuropas – an ihrer Ostflanke abgesichert durch den für die UdSSR und die fast vollständig von ihr kontrollierte kommunistische Arbeiterbewegung verheerenden Pakt Stalins mit Hitler vom August 1939.

Die Bedingungen des Kriegs änderten sich fundamental, als die Nazis und ihre faschistischen Verbündeten am 22. Juni 1941 auch die Sowjetunion überfielen. Mit dem Kriegseintritt eines Arbeiterstaates, der einen Abwehrkampf gegen eine antikommunistische Invasionsstreitmacht führte, stellten sich für die bisherigen Gegner Deutschlands grundlegende Fragen: Einerseits hatten sie selbst seit über zwei Jahrzehnten – seit 1917 – auf die Gelegenheit gewartet, diesen ersten Arbeiterstaat der Welt militärisch auszulöschen und dort den Kapitalismus zu restaurieren (noch im Russischen Bürgerkrieg waren ihre Expeditionstruppen damit gescheitert), andererseits befanden sie sich in einem imperialistischen Krieg gegen die neuen Invasoren der Sowjetunion.

Obwohl es letztlich zur Bildung der gemeinsamen „Anti-Hitler-Koalition“ zwischen den bürgerlichen Staaten Großbritannien und USA auf der einen und dem bürokratisch degenerierten Arbeiterstaat UdSSR auf der anderen Seite kam, war die Entscheidung für dieses Abwehrbündnis bei den Herrschenden der Westmächte keineswegs unumstritten. Zwei Tage nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR äußerte zum Beispiel Harry Truman, damals US-Senator, in der „New York Times“: „Wenn wir sehen, dass Deutschland gewinnt, sollten wir Russland helfen, und wenn Russland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen und sie so viele wie möglich töten lassen.“[4]

Für die Westmächte blieb im Rahmen der „Anti-Hitler-Koalition“ immer die Frage entscheidend, wie Nazi-Deutschland zwar besiegt, aber zugleich Privateigentum und Marktwirtschaft vor antikapitalistischen Umwälzungen – sei es durch ein Ausgreifen des sowjetischen Machtbereichs oder durch tatsächliche proletarische Revolutionen in Zentral- und Westeuropa – geschützt werden konnten. Schon im März 1943 gab etwa Harry Hopkins, der engste Berater von US-Präsident Roosevelt, zu bedenken, dass „Deutschland kommunistisch wird“, wenn die Westalliierten nicht schnell und entschieden handeln, und dass ähnliches auch in anderen europäischen Ländern wie Italien passieren könnte, sofern nicht britische und US-amerikanische Truppen noch vor sowjetischen mindestens in Frankreich und Deutschland stünden.[5]

Flächenbombardements und die Frage einer zweiten Front

Auch die Entscheidung zum systematischen Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung passt zu solchen Erwägungen der Westalliierten. Sie fiel im Februar 1942: In der „Area Bombing Directive“ des britischen Luftfahrtministeriums wurde damals dem Bomberkommando der Royal Air Force (RAF) der Befehl gegeben, Einsätze zu fliegen, die sich explizit „gegen die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung richten sollen, insbesondere die Industriearbeiterschaft“. RAF-Oberbefehlshaber Charles Portal präzisierte nur wenig später, „dass es sich bei den Zielpunkten um bebaute Gebiete handelt, nicht z. B. um Werften oder Flugzeugfabriken“[6]. Nicht etwa die deutsche Industrie sollte also zum Ziel werden, sondern die Wohnviertel der industriellen Arbeiterklasse.

Die Methode der Flächenbombardements auf zivile Ziele war nicht neu. Die Nazis hatten sie bereits 1937 im Spanischen Bürgerkrieg bei der berüchtigten Bombardierung von Guernica erprobt und anschließend im Mai 1940 gegen Rotterdam sowie im November desselben Jahres gegen die englische Stadt Coventry zu trauriger Perfektion gebracht. Neu war aber ihr massiver Einsatz durch die Briten, deren Luftangriffe vor 1942 vor allem aus präzisen Schlägen gegen militärische Punktziele wie Rüstungsbetriebe, Gleisanlagen, Werften oder Kampfschiffe bestanden hatten.[7] Weshalb gab es zu diesem Zeitpunkt eine derartige Umorientierung?

Praktisch seit dem Tag des deutschen Überfalls auf die UdSSR hatte Stalin die Westmächte auf die Eröffnung einer zweiten Front im Westen gedrängt, um die Rote Armee in ihrem Kampf gegen die Nazis zu entlasten. Für Großbritannien und die USA war der großflächige Bombenkrieg eine willkommene Möglichkeit, eine solche Invasion an der Westfront „aggressiv zu verzögern“[8], ohne dabei militärische Untätigkeit zu demonstrieren. Neben Bedenken bezüglich eigener militärischer Kapazitäten war bei dieser Verzögerungstaktik sicherlich ausschlaggebend, dass eine zu schnelle Kriegswende zugunsten der Sowjetunion im Osten oder revolutionäre Aufstände der Arbeiterklasse, wie sie eine kraftvolle Invasion Frankreichs oder ein konsequenter Bombenkrieg gegen die deutsche Industrie statt gegen die Zivilbevölkerung möglicherweise beschleunigt hätten, schlicht nicht im unmittelbaren Interesse der Westalliierten lagen.

„Krieg den Hütten, Frieden den Palästen“

Tatsächlich ist bemerkenswert, wie einseitig sich der westalliierte Bombenkrieg gegen zivile Ziele wie die dicht besiedelten Altstädte der deutschen Metropolen richtete. Im Gegensatz dazu wurden kriegswichtige Objekte wie Industrieanlagen, Kraftwerke oder U-Boot-Bunker kaum in vergleichbarem Maße angegriffen. In den Jahren 1942/43 zum Beispiel machten Ziele dieser Art niemals mehr als 20 % der abgeworfenen Gesamtbombenlast aus – in allen Quartalen außer dem vierten 1943 waren es sogar nur 10 % oder noch weniger.[9] Selbst 1944/45 behielten Flächenbombardements eine Vorrangstellung vor Angriffen auf Industrieobjekte.[10] Die RAF wählte ihre Angriffsziele außerdem recht unverhohlen nach ihrer Brandanfälligkeit und nicht etwa nach ihrer militärischen Relevanz für die deutsche Kriegsführung aus, was zum massiven Brandbombenabwurf vornehmlich in Innenstädten führte.

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„In den Jahren 1942/43 zum Beispiel machten Ziele dieser Art niemals mehr als 20 % der abgeworfenen Gesamtbombenlast aus – in allen Quartalen außer dem vierten 1943 waren es sogar nur 10 % oder noch weniger.“

Beispiele für diesen Fokus finden sich immer wieder. Bei ihrer mehrmonatigen Luftkriegskampagne gegen Berlin zwischen November 1943 und März 1944 führte etwa die RAF insgesamt 16 nächtliche Großangriffe gegen die Reichshauptstadt durch, die weite Teile der Innenstadt mit ihren Wohnvierteln, aber auch einige Fabriken in Ruinen verwandelten. Auffällig ist dabei, dass ausgerechnet die beiden bedeutenden Kraftwerke West und Klingenberg, die für 60 % der Berliner Elektrizitätsversorgung verantwortlich und damit für die lokale Industrie überlebenswichtig waren, bei den Angriffen „vergessen“ wurden – obwohl ihre gezielte Bombardierung noch 1940/41 von der RAF angedacht worden war.[11] Kriegsentscheidende Objekte wurden hier genau wie bürgerliche Villenviertel im Umland außen vor gelassen, während dicht besiedelte, mehrheitlich proletarisch bewohnte Innenstadtbereiche bis zur Unkenntlichkeit ausgebombt wurden.[12]

Dieses Phänomen blieb Zeitgenossen nicht verborgen. Der jüdischstämmige Architekt Julius Posener, der 1935 vor den Nazis und ihrem Antisemitismus aus Deutschland geflohen war, berichtete nach Kriegsende:

„Von dem Ausmaß der Zerstörung haben viele erzählt, und so machte ich mich, als ich nach Deutschland kam, nach den Berichten von den Großangriffen auf deutsche Städte auf einiges gefasst. Doch ich muss gestehen, dass meine Erwartungen durch das Ausmaß der Zerstörung übertroffen wurden…

In den Vororten (von Köln) sieht es eine Spur besser aus; aber auch in der Gartenstadt Marienburg ist jedes dritte Haus eine Ruine, nur dass die Ruinen dort im Grünen stehen. Kommt man aber an den Fabrikgürtel, besonders im Osten des Rheins, außerhalb Mühlheims, so findet man viele moderne Backsteinhallen unversehrt und tätig.

In der Ruhr machte ich die gleiche Erfahrung: Die Wohnungen der Arbeiter sind zerstört, die Vororte stehen im Allgemeinen, und einige Villen sind noch von ihren alten Bewohnern belegt… Die Fabriken aber, die Zechen und Hochöfen arbeiten, bis auf gewisse Sonderfälle wie Krupp in Essen... Man fand nach der Kapitulation, dass 20 Prozent des Industriepotentials zerstört waren. Das ist viel, aber von den Wohnungen sind 80 Prozent beschädigt und zwei Drittel davon zerstört oder fast zerstört.

Nie habe ich eine Zerstörung gesehen, die mit so großem Recht den Namen tragen könnte: Krieg den Hütten, Frieden den Palästen. Man ist versucht, dahinter eine Absicht zu sehen...“[13]

Bombenkrieg mit Kalkül

Eine solche Absicht gab es zweifellos. Wie oben dargelegt stand die Kriegsführung der Westalliierten zu jedem Zeitpunkt unter der Voraussetzung ihres alles überragenden Ziels, den sowjetischen Machtbereich in Europa zu begrenzen und revolutionäre Bestrebungen der Arbeiterklasse – gerade auch in Deutschland – niederzuhalten. Die Bekämpfung der drohenden „roten Gefahr“ behielt für die Herrschenden in Großbritannien und den USA immer die oberste Priorität. Deshalb zum Beispiel ihre bereitwillige Kooperation mit alten Nazis nach 1945, um Geheimdienste aufzubauen und Westdeutschland in einen Frontstaat gegen „den Kommunismus“ im Osten zu verwandeln. An einer echten „Entnazifizierung“ der deutschen Behörden hatte keine bürgerliche Klasse – egal welcher Nation – ein Interesse. Sie hat bis heute nicht stattgefunden.

Auch die Strategie des Bombenkriegs gegen die deutsche Zivilbevölkerung muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die britischen und US-amerikanischen Bourgeoisien setzten gezielt auf eine Kriegsführung, die die Arbeiterviertel der deutschen Großstädte (oft mit historisch hohem kommunistischen Einfluss) ins Visier nahm, um die deutsche Arbeiterklasse zu „demoralisieren“ und damit ein revolutionäres Potenzial zu schwächen. Ihr politisches Kalkül ging so weit, dass kriegswichtige Industrieanlagen mitunter bewusst geschont worden zu sein scheinen, wenn zu befürchten stand, dass ihre zu schnelle Zerstörung den sowjetischen Vormarsch im Osten begünstigen könnte. Auffällige Pausen bei US-Luftangriffen auf die deutsche Mineralölindustrie im Herbst 1944 kommentierte etwa der ehemalige Nazi-Rüstungsminister Albert Speer als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen so:

„Wir hatten den Eindruck […], dass sie das Tempo der Zerstörungen bei uns so drosselten, dass ihre Invasion und ihre Angriffspläne damit gleichlaufen, d. h. dass unsere Widerstandskraft im Osten noch soweit aufrechterhalten blieb, bis sie ihre Etappen im Westen erreicht hatten. Das war für uns die einzige Erklärung, weil wir wussten, dass sie einmal die Möglichkeiten hierzu hatten und andererseits auch die wirtschaftlichen Fachleute, die alle Probleme aufs genaueste kannten. […] Ich nahm an, dass es auch für sie von Wert war, dass der Russe bei einem plötzlichen Zusammenbruch bei uns mit seinen Panzerspitzen nicht an das […] außerordentlich wichtige Gebiet bis an den Rhein vorstoßen konnte.“[14]

Nicht nur Speer äußerte sich in dieser Art. Selbst das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) ließ in seinen internen Berichten gelegentlich Verwunderung darüber erkennen, dass bestimmte Industrieanlagen wie Hydrierwerke zur Produktion von synthetischem Kraftstoff für die Luftwaffe von den Westalliierten über lange Zeit nicht angegriffen wurden, obwohl ihnen Bedeutung und Lage dieser Objekte bekannt sein mussten.[15]

Dabei werden sicher auch ökonomische Interessen des US-amerikanischen und britischen Kapitals an weitgehend unversehrten Industrieanlagen in einem bald von ihnen besetzten Deutschland eine Rolle gespielt haben. Eine maximal effektive Kriegsführung aber, die zu einer möglichst schnellen und umfassenden Niederlage Nazi-Deutschlands an allen Fronten führt, kann kaum die Absicht gewesen sein, die hinter der westalliierten Bombenkriegsstrategie ab 1942 stand.

Deutsche Kollektivschuld: Ein Mythos, um die Herrschenden zu schützen

Wenn der westalliierte Bombenkrieg also durch seinen einseitigen Fokus auf die Zivilbevölkerung und seine dadurch bedingte Ineffektivität keinen entscheidenden militärischen Beitrag zu einer schnellen Niederringung des Nazi-Regimes leistete, könnte er dann nicht wenigstens als eine Art „gerechte Strafe“ für die deutsche Bevölkerung verstanden werden, die Hitler immerhin gewählt und das Regime angeblich enthusiastisch unterstützt hatte? Ideen dieser Art sind als so genannte Kollektivschuldthese bekannt und teilweise auch in der politischen Linken verbreitet.

Verantwortlich für den Aufstieg der Nazis waren in erster Linie die deutsche Bourgeoisie und das kapitalistische System. Bedeutende Banken- und Konzernbosse hatten die Nazis schon vor 1933 mit Großspenden gefördert, weil diese ihre revanchistischen und antikommunistischen Absichten vertraten. Keineswegs unterstützten „alle Deutschen“ Hitler: Noch bei der Reichstagswahl im November 1932 kamen die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD zusammen auf 37 % der Stimmen, während die Nazi-Partei nur 33 % erhielt. Unter den marxistisch orientierten Industriearbeitern, den katholischen Arbeitern und selbst in der Intelligenz blieben die Faschisten bis zuletzt weitgehend isoliert. Unterstützung fanden sie hingegen in den kleinbürgerlichen Mittelschichten, der Bauernschaft, dem Lumpenproletariat und in Sektoren der Großbourgeoisie.[16]

Nachdem das Hitler-Regime im Frühjahr 1933 schließlich aufgerichtet worden war, konnte es sich nur deshalb 12 Jahre an der Macht halten, weil es einen regelrechten Bürgerkrieg des offenen Terrors gegen die Arbeiterklasse und ihre politischen Organisationen entfesselte: Zwischen 1933 und 1939 wurden bis zu 600.000 Menschen in Deutschland aus politischen Gründen inhaftiert, im Frühjahr 1943 saßen ca. 200.000 deutsche politische Häftlinge in Konzentrationslagern. Zehntausende Sozialdemokraten und Kommunisten wurden von den Nazis ermordet. Selbst als in den Kriegsjahren illegaler politischer Widerstand kaum noch möglich war, meldeten SS-Stellen hin und wieder Arbeiterunruhen in Großbetrieben aus ökonomischen Gründen.[17]

Das Nazi-Regime war nicht zuletzt deshalb an die Macht gelangt, weil die Führungen von SPD und KPD sich vor 1933 geweigert hatten, Hitler mit einer revolutionären Einheitsfrontpolitik zu begegnen. Die reformistische Sozialdemokratie lebte in der Illusion, den Nazis mit den Mitteln des bürgerlichen Staatsapparats entgegentreten zu können, sie also mit Hilfe der bürgerlichen Demokratie der Weimarer Republik zu besiegen, mit Hilfe des erzreaktionären Junkers Hindenburg, den die SPD als Reichspräsidenten unterstützte und der Hitler schließlich zum Kanzler ernannte. Der bürgerliche Staatsapparat versagte nicht nur bei der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie, er stellte sich voll und ganz in den Dienst Hitlers.

Die Kollektivschuldthese sprach die Bourgeoisie und ihre kapitalistischen Interessen sowie den Staatsapparat (Polizei, Militär, Justiz usw.) von der Verantwortung für die faschistische Herrschaft frei und schob diese Verantwortung stattdessen der breiten Masse der Bevölkerung zu. So konnten die wahren Täter verschleiert und dazu der heldenhafte und mit hohem Blutzoll bezahlte antifaschistische Widerstand des Proletariats dem historischen Vergessen preisgegeben werden. Beides lag im Interesse sowohl der besiegten deutschen Bourgeoisie, als auch der herrschenden Klassen in Großbritannien und den USA.

Auch die Flächenbombardements auf die Wohnquartiere der Arbeiter ließen sich so rechtfertigen. Diese Bombenangriffe konnten aber selbstredend keinen Beitrag zum Sturz des Faschismus leisten – denn sie trafen ja die falschen: Nicht etwa pro-faschistische Industrielle wie Thyssen, Kirdorf oder Borsig in ihren Villen, sondern die seit jeher mehrheitlich links stehende Arbeiterschaft in den proletarischen Vierteln. Zynischerweise – und gerade um potenzielle revolutionäre Entwicklungen in Nachkriegsdeutschland im Keim zu ersticken – zerstörten britisch-US-amerikanische Luftangriffe damit sogar ausgerechnet diejenigen Bereiche des öffentlichen Lebens – die städtischen –, in denen sich seit 1933 am ehesten Widerstandsnetzwerke gebildet hatten. Von den negativen Auswirkungen der Bombardierungen auf illegale politische Arbeit vor Ort berichteten antifaschistische Widerstandskämpfer nach Kriegsende immer wieder.[18]

Revolutionäre Kommunisten gegen den alliierten Bombenkrieg

Es gehört zu den großen Verdiensten der Kräfte des authentischen, revolutionären Marxismus, die sich während des Zweiten Weltkriegs in der Vierten Internationale gruppierten, dass sie damals nahezu alleine das Banner des konsequenten Internationalismus hochhielten und die westalliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte als Verbrechen gegen die deutschen Arbeiter verurteilten.

Diese revolutionären Kommunisten hatten keine Illusionen in den vermeintlichen „Antifaschismus“ des britischen und US-Imperialismus. Sie ordneten sich anders als die stalinistischen Führungen der offiziellen Kommunistischen Parteien nicht dem außenpolitischen Bündnis der UdSSR mit dem Imperialismus unter und lehnten deshalb sowohl die Beteiligung an chauvinistischer, „anti-deutscher“ Propaganda ab (etwa die nationalistische Parole „À chacun son Boche“ [„Jeder soll einen Deutschen töten“] in der französischen Résistance), als auch eine Rechtfertigung der Flächenbombardements. Stattdessen setzten sie auf die proletarische Revolution in Deutschland und Europa als wirkungsvollste Methode zur Verteidigung der UdSSR und zum Sieg über Hitler.

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„Als Teil ihrer illegalen Arbeit in den besetzten Ländern – etwa mit der Zeitung „Arbeiter und Soldat“ unter Wehrmachtsangehörigen in Frankreich – bezogen sie öffentlich gegen die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Arbeiterviertel Stellung.“

Als Teil ihrer illegalen Arbeit in den besetzten Ländern – etwa mit der Zeitung „Arbeiter und Soldat“ unter Wehrmachtsangehörigen in Frankreich – bezogen sie öffentlich gegen die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Arbeiterviertel Stellung. Das Provisorische Europäische Sekretariat der Vierten Internationale verlautbarte zum Beispiel im Dezember 1943 in einer Resolution:

„Die Bombardements der deutschen Städte folgen in schnellerer Folge und mit wachsender Intensität aufeinander. Den ganzen Winter machen Tausende und Abertausende deutsche und ausländische Arbeiter die grausamen Folgen des Luftkriegs der Imperialisten durch. Ganze Städte werden binnen ein paar Stunden ausgelöscht. […] [Der angelsächsische Imperialismus] vermengt [dabei] auch bewusst die arbeitenden Klassen Deutschlands mit der deutschen imperialistischen Bourgeoisie und ihrem politischen Werkzeug, dem gegenwärtigen Hitler-Regime. […] [Er] versucht durch seine Luftterror-Aktion gegen die deutsche Bevölkerung und seine rassistische 'Antiboche'-Propaganda das deutsche Proletariat zu demoralisieren, den Glauben an den Internationalismus der Arbeiterklasse zu brechen und das ausländische Proletariat gegen ihre Brüder Deutschlands in Stellung zu bringen, die revolutionäre Welle zu zerbrechen […].“[19]

Die Kämpfer der Vierten Internationale haben mit Positionierungen wie dieser elementare marxistische Klassenpositionen verteidigt. Von ihrer Methode können wir bis heute lernen.

Fazit

Das Nazi-Regime war ein erbitterter Feind der internationalen Arbeiterbewegung. Es musste zerschlagen und militärisch besiegt, dazu sein kapitalistischer Nährboden überwunden werden, um die faschistische Gefahr dauerhaft zu bannen. Arbeiter und Kommunisten in der Illegalität, antifaschistische Partisanen in ganz Europa und die Rote Armee der Sowjetunion führten über Jahre einen Kampf auf Leben und Tod, um diese Ziele zu erreichen.

Am militärischen Sieg über Nazi-Deutschland waren auch Großbritannien und die USA interessiert – allerdings vor allem, um einen imperialistischen Konkurrenten auszuschalten, nicht um den Faschismus endgültig auszumerzen, wozu seine kapitalistische Grundlage hätte beseitigt werden müssen. Gerade das wollten die imperialistischen Westmächte nicht. Im Gegenteil: Zentral war für sie die Aufrechterhaltung des Kapitalismus und die Verhinderung sozialistischer Umwälzungen in Deutschland und Europa. Faschistische Herrschaft war für sie dabei niemals ein grundsätzliches Problem, sondern häufig Mittel zum Zweck, wie ihre langjährige Kooperation mit Franco-Spanien und vergleichbaren Diktaturen beweist. Ihre Kriegspolitik spiegelte diese Interessenlage wider.

Die britischen und US-amerikanischen Flächenbombardements auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg waren folglich nicht antifaschistisch motiviert und ihr Ziel war offenkundig nicht die schnellstmögliche Befreiung der deutschen Arbeiter vom Nazi-Regime. Statt das Rüstungspotenzial Deutschlands konsequent auszuschalten oder revolutionäre Erhebungen gegen Hitler von unten zu befördern, traf der westalliierte Bombenkrieg gezielt die Zivilbevölkerung: In 61 deutschen Städten mit über 100.000 Einwohnern zerstörte er ca. 3,6 Millionen Wohnungen, machte 7,5 Millionen Einwohner obdachlos und tötete über 400.000 Menschen.[20] Natürlich stehen diese Zahlen in keinem Verhältnis zu den von den Nazis begangenen Verbrechen. Aber das ändert nichts daran, dass auch sie Zeugnis einer imperialistischen Kriegsführung sind, die nicht die Selbstermächtigung der Arbeiter, sondern die Absicherung kapitalistischer Herrschaft gegen sie anstrebte.

Darüber hinaus hatten Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung in einem derart gewaltigen Umfang eine entgrenzende Wirkung: Sie konnten anschließend unter anderen Voraussetzungen in imperialistischen Kriegen über Japan, Korea und Vietnam wiederholt werden – mit dem furchtbaren Höhepunkt der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945.

Wer den Faschismus konsequent bekämpfen will, darf keinerlei Vertrauen in kapitalistische Staaten haben, für deren Bourgeoisien faschistische Herrschaft immer eine Option bleibt und deren Militärstrategie ihrem Klassencharakter entspricht, weshalb sie auf verbrecherische Methoden wie die wahllose, großflächige Bombardierung von Arbeiterwohnvierteln setzt. Nötig ist stattdessen der Kampf gegen die gesellschaftliche Grundlage des Faschismus – das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Nur die revolutionäre Beseitigung dieses Systems durch die Machteroberung der Arbeiterklasse und die Aufrichtung einer weltweiten sozialistischen Ordnung können der Menschheit eine friedliche Zukunft ohne Faschismus und Krieg garantieren.

 

[1]„Bomber Harris“ bezieht sich auf Arthur Harris (1892–1984), der ab 1942 Befehlshaber des Bomberkommandos der RAF und als solcher einer der Hauptstrategen des alliierten Bombenkriegs war.

[2]Leo Trotzki: Manifest der Vierten Internationale zum imperialistischen Krieg und zur proletarischen Weltrevolution, in: Ders.: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 213.

[3]Vgl. Schreiben Georg von Schnitzlers an den Kaufmännischen Ausschuss der IG Farben AG vom 24. Juni 1940 sowie Forderungskatalog von Carl Zeiss Jena vom 2. Oktober 1940, in: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, Bd. 5, Berlin 1966, S. 538–539, 541–542.

[4]Turner Catledge: Our Policy Stated, in: New York Times, 24. Juni 1941, S. 1, 7.

[5]Ernest Mandel: The Meaning of the Second World War, London 1986, S. 41.

[6]Gruppe Arbeiterpolitik (Hrsg.): Bombenkrieg und Klassenkampf, Hamburg 2008, S. 13.

[7]Ebenda, S. 9.

[8]Max Hastings: Bomber Command, London 1979, S. 139. Vgl. zusätzlich Hastings' Bemerkungen ebenda, S. 11–12.

[9]Ernest Mandel: The Meaning of the Second World War, London 1986, S. 135.

[10]Overall Economic Effects Division (Hrsg.): United States Strategic Bombing Survey. The Effects of Strategic Bombing on the German War Economy, Washington 1945, S. 4–5.

[11]Gruppe Arbeiterpolitik (Hrsg.): Bombenkrieg und Klassenkampf, Hamburg 2008, S. 13.

[12]Vgl. Ernest Mandel: The Meaning of the Second World War, London 1986, S. 200.

[13]Gruppe Arbeiterpolitik (Hrsg.): Bombenkrieg und Klassenkampf, Hamburg 2008, S. 12.

[14]Ebenda, S. 14.

[15]Ebenda, S. 13.

[16]Ernest Mandel: The Meaning of the Second World War, London 1986, S. 89.

[17]Ebenda, S. 40–41.

[18]Vgl. Gruppe Arbeiterpolitik (Hrsg.): Bombenkrieg und Klassenkampf, Hamburg 2008, S. 11.

[19]Nachdruck in: Les congrès de la IVe Internationale (manifestes, thèses, résolutions). 2. L'Internationale dans la guerre 1940–1946, Paris 1982, S. 181–182 [Übersetzung von Wolfram Klein].

[20]Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, Bd. 5, Berlin 1966, S. 437–438.

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